Katrin Wegner
Produzentin, Filmemacherin & Autorin

Bücher

Die Pille und ich.

Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge.

Von Katrin Wegner

 (C. H. Beck – Verlag) Veröffentlicht am 28. Aug. 2015

Die Pille ermöglichte den Frauen einst, sich sexuell zu befreien. Heute dient sie jungen Mädchen dazu, den eigenen Körper nach gängigen Schönheitsvorstellungen zu formen. In ihrem aufrüttelnden Buch zeigt Katrin Wegner, wie die Antibabypille von einem Verhütungsmittel zu einer Art Lifestyle-Droge geworden ist und welche Risiken damit verbunden sind.

Im Jahr 2010 konsumierten 87 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen die Pille nicht wegen ihrer verhütenden Wirkung, sondern aufgrund der ersehnten Nebeneffekte: reinere Haut, volleres, glänzendes Haar und eine größere Oberweite. Die Pharmaindustrie richtet ihr Marketing darauf aus und bietet die neuesten Pillen teilweise im trendigen Schminktäschchen an. So wird die Pille zunehmend nicht mehr als Arzneimittel wahrgenommen und eine Abwägung von Risiko und Nutzen findet vor allem bei den Jüngeren kaum noch statt. Katrin Wegner hat mit 250 Frauen aus drei Generationen über die Bedeutung der Pille in ihrem Leben gesprochen. Auf dieser Grundlage zeigt sie, wie sich Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Lebensplanung in den letzten fünf Jahrzehnten verändert haben.

Homepage bei C. H. Beck Verlag München:  https://www.chbeck.de/wegner-pille/product/14913526

Auszeichungen: Brigitte Buchsiegel für das Beste Sachbuch im Herbst 2015

Rezensionen:

Die Pille und ich. Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge.

Rezension: Beate Hausbichler, 15. September 2015, dieStandard.at

Geschichte der Antibabypille: Es war nie ihr Sex

Die gesammelten Erfahrungsberichte zum Thema Verhütung erzählen viel über den Status quo der Emanzipation

Seit 1961 hat sich viel getan. Und die Antibabypille war dabei, wenngleich in den ersten Jahren sehr im Verborgenen. Heute können gleich mehrere Frauengenerationen von ihrem Umgang mit Verhütung erzählen. Und sie erzählen damit immer auch eine Geschichte der Emanzipation, die erst einen zarten Schritt nach vorn, dann einen Sprung und dann wieder einen Schritt zurück macht. So ähnlich stellt es sich zumindest in "Die Pille und ich. Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge" der deutschen Autorin und Journalistin Katrin Wegner dar.
Zwischen 2010 und 2015 hat Wegner mit 267 Frauen und 52 Männern gesprochen, was für eine Bedeutung die Pille in ihrem Leben spielte. Wegner sprach auch mit pubertierenden Mädchen und Burschen zwischen 13 und 18 Jahren. Die Interviews dienten erst für eine Dokumentation für ARTE, die 2012 ausgestrahlt wurde. Nun bieten sie per Buch einen hervorragenden Einblick in die Geschichte der Lebens- und Liebesplanung mehrerer Generationen.
Als die Pille 1961 auf den Markt kam, war Verhütung noch völlig tabu. Die 1950er-Jahre mit ihrer rigiden Sexualmoral wirkten noch weit in das nächste Jahrzehnt hinein. Dabei war diese strenge Moral in den 1950er-Jahren nicht einfach da, weil man es "früher" nun mal so hielt. Vielmehr musste der missbilligende Blick auf den Sex von christlich-konservativen Kreisen erst durch ordentliche Lobbyarbeit installiert werden. Denn in den Kriegsjahren und auch noch danach sei "das Leben recht wild geworden", wie ein Zeitzeuge Wegner erzählte. Als der Tod allgegenwärtig wurde, sei immer mehr die Ansicht hochgekommen, "nach uns die Sintflut, nun genießen wir das Leben, solange wir es noch genießen können". Kurz nach dem Krieg war die Akzeptanz für Sex vor der Ehe auch noch hoch, 71 Prozent der Westdeutschen fanden diesen völlig vertretbar.

Das geht die Kirche nichts an
Dass die Toleranz zunehmend schwand, änderte jedoch wenig an der Praxis und verhinderte freilich auch keine ungewollten Schwangerschaften: In den 1950er-Jahren haben 1,2 Millionen Frauen laut dem "Deutschem Ärzteblatt" jährlich – damals noch illegal – abgetrieben, davon starben 10.000 an den Folgen des Eingriffs. Angesichts dessen sollte man einen Auftritt der Pille im Jahr 1961 mit Pauken und Trompeten annehmen.
Aber nichts da: "Der Stern" musste die verhütende Wirkung nach ein paar Monaten nach Markteinführung enthüllen, denn die Pille wurde erstmal nur zur Linderung von Regelbeschwerden in Umlauf gesetzt. In den ersten Jahren nach der Einführung wurde die Menge der Konsumentinnen kleingehalten. Nur verheirateten Frauen mit mehr als zwei Kindern durfte sie verschrieben werden, und Ärzte warnten vor dem Verfall der geistig-moralischen Sitten, würde sie auch unverheirateten Frauen verschrieben werden.
Welchen beachtlichen Schritt der Selbstermächtigung Frauen in diesen Jahren machten, zeigen die Interviews mit der ersten "Pillen"-Generation. Maria V., geboren 1939, erzählt davon, wie sie sich von ihrem streng katholischen Elternhaus so weit löste, um ein Sexualleben genießen zu können. Wie Maria V. vereinten sie das scheinbar Widersprüchliche: Sie machten Sex zu ihrer Sache, "das war privat, das ging die Kirche nichts an".
Ab den 1968ern stieg der Absatz der Pille rapide an, etwas später wurde auch Abtreibung legalisiert. Gleichwohl die Pille für viele Frauen selbstverständlich und fraglos viel Leid verhinderte, gab es auch Kritik. Warum sich Hormonhämmer, die die Pille damals noch war, verabreichen und Männer aus jeglicher Verantwortung in puncto Verhütung entlassen?
Die Interviews zeigen eines deutlich: Viel Entspannung in puncto Sex gab es für Frauen auch in der späteren Generationen nicht. Für die nachfolgenden "Pillengenerationen" hatte Verhütung zwar keine moralische Dimension mehr, doch dafür traten Sexkompetenzfragen auf den Plan. Die Angst vor Schwangerschaft wurde durch die Angst, "nicht alles richtig zu machen", ersetzt, wie Svantje L., Jahrgang 1967, schildert. Vor ihrem ersten Mal hatte sie sich rechtzeitig die Pille verschreiben lassen, genießen könne sie es trotzdem nicht. "Eigentlich war ich nur froh, alles gut überstanden zu haben", erzählt sie.

Die Pille zur Rundumverschönerung
Und wie steht es für die heute jungen Frauen? Wie zu den Pillenanfängen rücken für sie wieder andere Effekte als die Verhütung in den Mittelpunkt. Die Pille wird in pinken Verpackungen mit inkludierten Spiegeln zur Rundumverschönerung beworben: schönere Haut, schöneres Haar, größere Brüste. Es zeigt sich, dass viele Mädchen bei der Pille nicht an unbeschwerten Sex denken, sie denken lediglich ans "Sexysein".
Die erste Pillengeneration habe den Blick nach innen gewendet, um eigene Bedürfnisse und Wünsche zu entdecken, folgert Wegner. Die dritte Generation nütze sie, um ihren Marktwert zu steigern – die Entdeckung der eigenen Bedürfnisse stehe nicht auf dem Programm. Trotzdem also enorm viel passiert ist seit der Einführung der Pille, ist das ein mehr als bescheidener Status quo. Wegners Buch ist gerade deshalb eine empfehlenswerte Lektüre für junge Frauen über den kontinuierlichen und gewaltigen Einfluss auf den Sex der Frauen.
(Beate Hausbichler, am 15.9.2015 veröffentlicht auf dieStandard.at)

 

Rezension in der Zeitschrift Emma, September/Oktober – Ausgabe 2015, www.emma.de

Die Pille und ich

Katrin Wegner zeichnet die Geschichte der Anti-Baby-Pille seit ihrer Einführung 1961 und wirft einen kritischen Blick auf die Pille, die „zur Lifestyle-Droge verkommen ist“. Dafür hat sie hunderte von Frauen aus drei Pillengenerationen interviewt. Interessant ist ihr Blick auf die 13- bis 18-Jährigen. „Den meisten diente sie in erster Linie dazu, ihr Aussehen zu verbessern“, schreibt Wegner. Oft verschreiben Ärzte die Pille z.B. gegen Akne. Wegner weiter: „Einem Mädchen war in den ersten Monaten nicht einmal bewusst, dass die Pille auch verhüten kann“. 

Rezension in der Zeitschrift Brigitte, , Ausgabe 21/2015 vom 30. September 2015,www.brigitte.de

Bestes Sachbuch Herbst 2015, „Brigitte-Siegel“

DIE PILLE UND ICH
Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge

Es gibt wohl kaum ein Medikament mit einer so großen gesellschaftlichen Bedeutung wie die Pille. Katrin Wegner erzählt an ihrer Geschichte den Wandel von Liebe, Partnerschaft und Sexualität seit Anfang der 60er Jahre. Dafür hat die Psychologin mit 250 Frauen geredet. Die Einführung der Pille war zunächst ein Befreiungsschlag für Frauen, die endlich keine Angst vor Schwangerschaft mehr haben musste. Die zweite Generation, die 1965 bis 1980 Geborenen setzten sich mit den Nebenwirkungen auseinander, viele verweigerten die Einnahme, fühlten sich unter Erwartungsdruck. Heute schlucken die meisten jungen Mädchen die Pille – oft gegen Pickel und für mehr Busen, selten zur Verhütung. Eine kluge und lebensnahe Analyse. 

Rezension aus Die Wochenzeitung

Antibabypille – Die kurze Ära der sexuellen Befreiung
Von Ulrike Baureithel, WOZ Nr. 42, 15. Oktober 2015:

Wegner setzt sich ausführlich mit den verschiedenen Pillengenerationen und ihren Nebenwirkungen auseinander. Ihre dezidiert kulturkritische Analyse zielt auf das irreführende Pharmamarketing und seine Versprechungen an die jungen Frauen. Bei der ersten Pillengeneration, schreibt die Autorin, sei der Blick nach innen gegangen. Die angeblich verschönernden Wirkungen der Pille lenkten den Blick der jungen Frauen heute auf die reine Oberfläche: „Damit“, so Wegner, „verspielen wir langsam das, was uns einst sexuell befreite.“